Eine Wintergeschichte in Slamohrad

Winter des 5. Jahres: Slamohrad im Norden Moravods:

Ciara saß an ihrem Schreibpult in ihrem Schlafzimmer. Die großen Glasfenster auf der Südseite ihres Zimmers gaben den Blick auf das winterlich verschneite Slamohrad frei, wie es unter den Schneemassen ächzte und stöhnte und doch ausharrte. Die Leute gingen auf dem Keilmarkt am Fuße des Turms trotzdem wie jeden Tag ihren Besorgungen nach und trotz der tief verschneiten Straßen fuhr gerade ein Fuhrwerk auf dem Wagenplatz vor. Das Leben in dieser seltsamen Stadt lief wie an Schnüren gezogen und gelenkt unbeirrt fort und fort.

Ihre Kameraden hatte Ciara nun schon seit dem Sommer nicht mehr gesehen. Sie waren nach Norden gezogen, kurz nachdem Athanasios in den Süden, nach Geltin gegangen war. Ciara war mit ihren Studien beschäftigt. Die Spuren, auf die sie gestoßen war, waren bemerkenswert. Eine derartige Welt, jenseitig der unsrigen, und die Erkenntnis, dass da eine Möglichkeit war... eine... Möglichkeit... dass Eneachlatha... Nun, die Studien hielten sie in ihrem Bann. Sie war in dem letzten halben Jahr auf Pfaden gewandelt, die sie bis vor Kurzem vielleicht für Märchen gehalten hätte. Darüber hatte sie die Zeit aus den Augen verloren... das geschah. Es geschah im Übrigen grundsätzlich oft, wenn man sich auf dem Weg befand, den sie erforschte. Ohne Rostislav und sein geheimes Wissen - vor allem darüber, wie man den Alltag trotz Vertiefung in solcherartige Studien trotzdem bestritt, ohne zum Beispiel zu verhungern - wäre sie wohl nicht so weit gekommen, wie sie nun sagen konnte. Obwohl ihr sein ungepflegtes Äußeres nicht unbedingt gefiel... sie würde ihn vielleicht einmal darüber aufklären müssen. Aber vorerst hatte sie anderes zu tun.

Während sie sinnierte, kletterte die Sonne auf ihren niedrigen winterlichen Zenit. Dort unten, in den winzigen Gassen der Stadt, ging das Treiben ungestört weiter. Gerade fertigten die Stadtwachen einen Zwerg am Westtor ab und wiesen ihm den Weg, in die Neue Unterstadt zum Eisenmarkt hin, wohl. Der Kurzgeratene Kerl stapfte an der Treppe zur Schädelschanze vorbei, überquerte den Platz vor Ciaras Turm ohne sich groß umzudrehen, trabte schnaufend über den Kornmarkt und bog in die Gasse am Eisenmarkt ein. In dieser Gasse stand die windschiefe Schmiede, die einmal dem Zauberschmied Wieljand gehört hatte und die er - nach ihrem großen Abenteuer damals - an Bjarnfinnur übergeben hatte, der für ein Jahr und einen Tag sein Schüler gewesen war.

Wie seltsam, dass dieser Zwerg nun zielstrebig zu dem Haus schritt, einen Feuertopf neben sich abstellte und sich an dem dicken Vorhängeschloss zu schaffen machte, dass Bjarne bei seiner Abreise dort angebracht hatte. Offenbar hatte dieser fremde Zwerg den richtigen Schlüssel, denn das Schloss sprang auf und der Zwerg verschwand in der Schmiede. Freilich kam er noch einmal heraus, nahm seinen Feuertopf wieder auf und brachte ihn hinein.

Wie seltsam... ob Bjarnfinnur die Schmiede verkauft hatte? Oder hatte er gar einen Schüler gefunden?

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